Handicap-Fußball in Corona-Zeiten

Handicap-Fußball in Corona-Zeiten

Die Einschränkungen durch die Pandemie haben alle betroffen und wirken nach. Besonders gilt das auch für Menschen mit Behinderung: in ihrem normalen Leben, aber auch im Hinblick auf die Sportausübung. Die kleineren Vereine, die Handicap-Fußball anbieten, stehen vor großen Problemen. Hallen sind geschlossen oder belegt, die Außenplätze sind seltener bespielbar. Die Teams benötigen für die Organisation des Trainings und der Turniere Betreuer*innen, Fahrer*innen und weitere helfende Hände. Allein dies zu bewerkstelligen, ist aufgrund unvorhersehbarer Pandemie-Entwicklungen sehr kompliziert. Der FVM unterstützt die Klubs gerne, wo immer es möglich ist. 

Staffelleiter Jakob Wegener hat im Austausch mit den Vereinsvertreter*innen zudem die Fortsetzung der FVM Liga inklusiv angekündigt. Diese soll einhergehend mit einer leichter zugänglichen Etablierung im DFBnet mit offizieller Mannschaftsmeldung und inklusiver Schulung der Vereinsvertreter*innen erfolgen. Sobald diese Ziele und Schritte formuliert sind, werden sie an alle interessierten Vereine und ihre Vertreter*innen versandt und zur Diskussion vorgestellt. 

4 Fragen an Alexander Neumann

Im Interview erklärt der Geschäftsführer des TuS Blau-Weiß Königsdorf, warum Inklusion für den Verein aus dem Rhein-Erft-Kreis ein wichtiges Thema ist.

Herr Neumann, seit wann engagiert sich der TuS für das Thema Inklusion?

Gestartet sind wir 2017 mit einem inklusiven Sportfest. Es gab ein Mitmachprogramm aller Abteilungen, um in Kontakt mit Menschen mit Beeinträchtigung zu kommen. Das Sportfest war somit die Initialzündung. 

Was gab den Ausschlag für Inklusion?

Es geht um gesellschaftliche Verantwortung, Menschen über den Sport zu integrieren und um neue Impulse für das Zusammenleben im Verein. Sport ist ein integratives Element: Es geht um ein Gemeinschaftsgefühl. Hier spielen Nationalität, Geschlecht oder Beeinträchtigung keine Rolle.

Was macht der TuS konkret?

Seit 2018 haben wir alle Angebote für Inklusion geöffnet. Zudem haben wir eine inklusive Fußballmannschaft gegründet, unsere Dritte in der Kreisliga D. Das Team hat einen tollen Zusammenhalt und sich sportlich sehr gut entwickelt. Darüber hinaus bieten wir Praktika für Menschen mit Beeinträchtigung an. 

Welche Hilfen benötigt der Verein?

Die Informationen über inklusive Angebote müssen bei den Interessierten ankommen. Deshalb ist ein funktionierendes Netzwerk wichtig. Dann sind eine gute Aus- und Weiterbildung unserer Übungsleiter*innen und Trainer*innen die Grundlage für inklusive Angebote. Sie lernen Übungen anzupassen und entwickeln dabei Spielformen, die möglichst jede*n abholen und gleichzeitig auch Spaß und sportliche Herausforderung bieten. Je nach Gruppenkonstellation und Beeinträchtigung der Teilnehmenden sind wir auf Hilfe und Assistenz angewiesen. Hier brauchen Vereine Unterstützung. Und genau diese werden vom Projekt „Inklusion vor Ort“ angeboten.

Im Portrait: Niklas Neusel

Niklas Neusel hat seine Lernbeeinträchtigung durch den Fußballsport kompensiert. Der 28-Jährige ist ein fester und wichtiger Bestandteil der dritten Mannschaft des TuS Blau-Weiß Königsdorf. Er spielt mit der inklusiv besetzten Mannschaft des TuS Königsdorf um den Aufstieg in die Kreisliga C. Im Interview berichtet Neusel von seinen Erfahrungen im Amateurfußball.

„Ich spiele seit 2018 beim TuS Königsdorf mit der dritten Mannschaft in der Kreisliga D. In dieser Saison stehen wir gut da und haben vielleicht die Möglichkeit, den Aufstieg zu schaffen. Ich bin hier sehr gut aufgenommen worden und komme mit meinen Mannschaftskameraden und allen anderen Menschen im Verein super klar. Nach meinen Erfahrungen kann ich allen Sportinteressierten mit Handicap nur empfehlen, Sport im Verein einmal auszuprobieren.

Meine Liebe zum Fußball hat mir auch dabei geholfen, mich beruflich weiterzuentwickeln. 2013 habe ich beim Zentrum für Arbeit durch Bildung und Sport (ZABS) begonnen. Die Einrichtung gehört zur Gold-Kraemer-Stiftung. Vorher war ich in einer Werkstatt für Menschen mit einer Behinderung tätig. Zum täglichen Fußballtraining gehören regelmäßige Praktika. Hier hatte ich die Möglichkeit, als ZABS-Assistent Erfahrung zu sammeln. Seit August 2021 bin ich als Assistent Teil des Trainer- und Betreuerteams. Hier kümmere ich mich zum Beispiel um die tägliche Anwesenheitsliste und ums Mannschaftsfrühstück. Außerdem unterstütze ich als Übungsleiter unsere Trainer auf dem Platz. Ich habe mich dieses Jahr sogar für einen Lehrgang zur DFB-Trainer C-Lizenz angemeldet und will diesen unbedingt schaffen.

Der Fußball hat mir schon viele tolle Momente gegeben. Eine besondere Ehre war es für mich, bei der Fußball-WM ID in Schweden, also bei dem Turnier für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, Deutschland als Kapitän auf den Rasen zu führen. Das war 2018 und ich denke gerne an diese Zeit zurück. Für unser Team waren es eine große Herausforderung und Erfahrung, uns mit anderen großen Fußballnationen zu messen. Das Schönste war für mich persönlich das Eröffnungsspiel gegen Schweden, das wir trotz dreimaliger Führung leider mit 3:7 verloren haben. Zwar war die WM für uns von den Ergebnissen her kein Erfolg. Dennoch haben wir sportlich enorm dazugelernt und sind als Mannschaft gereift.“

 

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