Nicht nur hinter den Fußballer*innen, auch hinter dem FVM-Team liegen ereignisreiche Monate. Corona und die Flutkatastrophe haben die „normale“ Organisation des Fußballs am Mittelrhein nicht nur überschattet, sondern massiv beeinträchtigt. Statt Weiterentwicklung war an vielen Stellen zunächst einmal Krisenmanagement gefragt. FVM-Geschäftsführer Dirk Brennecke blickt im Gespräch mit Michael Kämpf zurück auf das vergangene Jahr und wünscht sich für das Jahr 2022 vor allem eins: Normalität.
Herr Brennecke, hinter den Vereinen und dem Fußball-Verband Mittelrhein liegt der zweite Pandemie-Winter. Wie steht es um den Amateurfußball am Mittelrhein?
Er steht insgesamt gut da. Wir haben erreicht, was wir wollten, wofür wir massiv gekämpft haben: Wir sind zurück auf dem Platz. Wir dürfen spielen, trainieren, uns bewegen. Ja, das alles geschieht unter Beachtung der jeweils gültigen Vorgaben, was nicht jeden erfreut. Aber wir sind zurück. Dieser Erfolg rückt manchmal zu Unrecht in den Hintergrund. Dank der Bemühungen von Amateur- und Profisport ist in der Politik die Erkenntnis angekommen, dass der Fußball kein Pandemiebeschleuniger ist, die allermeisten Infektionen nicht auf dem Sportplatz geschehen. Bewegung ist gesund und erwünscht und muss möglich sein.
Hat der Fußball denn in den vergangenen Monaten an Anziehungskraft verloren?
Nein, es gab keine gravierenden Einschnitte. Im Gegenteil. Es gibt Daten, die die ungebrochene Begeisterung für den Fußball belegen. Die Zahl der Erstausstellungen von Spielerpässen lag zwischen Anfang Juli und Ende Dezember 2021 bei 13.952 und damit doppelt so hoch wie im gleichen Zeitraum des Jahres 2019. Selbstverständlich gab es auch Nachholeffekte nach dem Lockdown-Ende. Aber grundsätzlich zeigt sich, dass die Kinder weiter Fußball spielen wollen. Rund ein Drittel aller Jungen und Mädchen eines Jahrgangs kommen in einen Fußballverein. Das ist eine beeindruckende Zahl, die zeigt, dass sich jeder Einsatz lohnt. Fußball ist einfach eine tolle Sportart, die Begeisterung entfacht. Das müssen wir deutlich herausstellen und die Vereine sollten sich mit unserer Unterstützung auf weiteren Zulauf einstellen. Denn die EURO 2024 wird mit Sicherheit noch einmal für einen Schub sorgen. Es braucht Trainer*innen, Ideen und Engagement, um das zu meistern und langfristig zu nutzen. Aber, es wird sich lohnen, da bin ich mir sicher.
Hat die Pandemie auch in der Verbandsarbeit zu positiven Erkenntnissen geführt?
Ganz eindeutig ja. In den letzten zwei Jahren haben wir gesehen, dass wir mit Videokonferenzen mehr Menschen auf die Schnelle erreichen können als je zuvor. Wir gehen verantwortungsbewusster mit der Zeit um: Für einen kürzeren Austausch kann man auf lange Anfahrten verzichten und sich unkompliziert mit Menschen zusammenschalten. Das gibt uns die Möglichkeit, noch häufiger in den direkten Austausch mit Vereinen, Verantwortlichen und Aktiven zu gehen und Partizipation zu ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass wir künftig auf analoge Formate verzichten. Diese sind für den persönlichen Austausch weiterhin ungemein wertvoll. Es geht um eine sinnvolle Ergänzung.
Auch wenn der Spielbetrieb zeitweilig ruhte, herrschte also alles andere als Stillstand beim FVM. Welche Aktionen und Entwicklungen waren Ihnen besonders wichtig?
Die Ambition, Dienstleister für die Vereine zu sein, ist noch stärker in den Fokus gerückt. Wir haben beispielsweise mit großem Aufwand die Coronaschutzverordnungen aufgearbeitet und den Vereinen erläutert, was die Vorgaben der Politik für ihren Alltag bedeuten und wie Lösungen aussehen können. Dabei war auch der Austausch mit dem Landessportbund sehr hilfreich. Diesen Weg werden wir weiter beschreiten. Unser Anspruch ist, ein gutes Gespür für Themen und Stimmungen zu haben, wir wollen die Inhalte für unsere Vereine bündeln und aufbereiten. Letztlich geht es uns als Verband darum, Dinge zu entwickeln.
Die Hochwasser-Katastrophe im Juli und ihre Folgen haben den FVM und die betroffenen Fußballkreise vor ungeahnte Herausforderungen gestellt. Ist die Fußballfamilie letztlich durch das Ereignis noch enger zusammengerückt?
Ja. Wir haben uns die Ausmaße der Katastrophe vor Ort angeschaut und haben mit den betroffenen Vereinen das Gespräch gesucht. Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, dass eine Naturkatastrophe in so einem Ausmaß vor unserer Haustür passieren kann. Diese Eindrücke vergisst man nicht. Beeindruckt hat mich gleichzeitig die enorme Solidarität unter den Vereinen: Fußballer*innen lassen einander nicht im Stich. Das ist die zentrale Erkenntnis. Trainingsstätten wurden zur Verfügung gestellt, Material gespendet und beim Aufräumen mitangepackt. Das war phänomenal. Zu sehen war zudem die große Identifikation der Mitglieder und die Treue zu ihrem Verein. Der Verein ist für viele Menschen eben deutlich mehr als ein Angebot Sport treiben zu können. Das ist ein wichtiges Signal, das die Pandemie ebenfalls hervorgebracht hat.
Was konnte der FVM bewirken, um den Menschen und Vereinen zu helfen?
Wir haben als Verband bei allem unterstützt, was für Training und Spielbetrieb erforderlich ist – und wir sind noch lange nicht fertig. Klar ist, dass diese Aufgabe ein Marathon und kein Sprint ist. Wir konnten u.a. Trikots und Bälle finanzieren und damit helfen, schnell und unkompliziert Ersatz zu beschaffen. Angedacht sind auch Container-Lösungen, damit Vereine wieder Umkleiden, Materialräume und Duschen haben. Der DFB und die DFL haben insgesamt drei Millionen Euro bereitgestellt. Die Infrastruktur ist wiederum Ländersache. Es ist eine gute Nachricht, dass das Land NRW die Kosten für den Wiederaufbau von Plätzen und Klubheimen vollständig übernimmt, die Vereine keinen Eigenanteil leisten müssen und moderne Sportanlagen entstehen. Nun sind die kommunale Politik und Verwaltung gefordert, die Baumaßnahmen einzuleiten. Die Vereine brauchen Sicherheit und klare, schnelle Entscheidungen. Je länger nichts geschieht, desto größer wird das Risiko, dass es manchen Verein bald nicht mehr gibt. Das Wichtigste für alle ist, die Saison wie geplant zu Ende spielen zu können. Dafür sind die Weichen gestellt.
Wie ist denn die Situation in den betroffenen Vereinen?
Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass viele ehrenamtlich Engagierte gleich auf mehreren Ebenen betroffen sind. Sie haben durch die Flut persönliches Leid erfahren, ihr beruflicher Alltag hat sich oftmals verändert und auch ihr soziales Engagement im Verein ist zu einer großen Herausforderung geworden. Diese Leute sind bis heute 24/7 mit den Folgen der Flut konfrontiert und werden es auch noch länger sein. Man kann gar nicht hoch genug bewerten, was diese Menschen leisten. Trotz dieser Umstände entwickeln sie enormen Schwung beim Wiederaufbau. Die Politik muss nun mit diesem Schwung der Vereine mithalten.
Auf welche Highlights können sich die Fußballanhänger*innen am Mittelrhein in den kommenden Monaten freuen?
Es wird sicherlich immer noch weniger Großveranstaltungen geben als vor der Pandemie. Klar ist aber, dass es am 21. Mai das Endspiel im Bitburger-Pokal steigen wird. Eine Woche später findet in Köln das DFB-Pokalfinale der Frauen statt. Wir hoffen, dass wir bei diesen Partien wieder mehr Zuschauer*innen begrüßen dürfen. Auf den FVM selbst kommen noch unsere Kreis- und Verbandstage zu. Diese bieten die Chance, Bilanz zu ziehen und von den Vereinen Aufträge für die weitere Entwicklung zu erhalten. In diesem Jahr ist die Organisation noch einmal anspruchsvoller, da wir virtuelle und Präsenzformate vorbereiten müssen – und zwar parallel für alle 29 Veranstaltungen (Anm. der Redaktion: 27 Kreistage/Kreisjugend-/Schiedsrichtertage sowie Verbandstag und Verbandsjugendtag): Es wird ein arbeitsreicher Zeitraum für alle Beteiligten, aber auch – das ist mir besonders wichtig – die Möglichkeit für Vereine, mitzuwirken und durch die Teilnahme den Fußball in der Region zu gestalten. Deshalb hoffe ich, dass viele Vereine von ihrem Recht Gebrauch machen, Vertreter*innen zu entsenden.
Was muss gelingen, damit Sie am Silvesterabend sagen, dass 2022 ein gutes Jahres für den Fußball war?
Ich wünsche mir, dass der Fußball eine positive Darstellung erfährt. Es gibt so eine große Begeisterung für diesen Sport und im Verhältnis dazu sehr wenige negative Aspekte, die dann aber sehr stark in den Fokus rücken. Der Fußball bewegt so viel Gutes. Es muss uns gelingen, die positiven Botschaften im Vordergrund zu sehen. Statt – notwendigem – Krisenmanagement wegen Corona oder Flut wäre schön, wieder mehr Raum für die inhaltliche Arbeit zur Weiterentwicklung des Fußballs zu haben. Ich hoffe außerdem, dass die Nationalmannschaft eine erfolgreiche WM spielt. Dann könnten wir mit einer guten Stimmung ins Jahr 2023 gehen. Denn die Erfolge der Mannschaft strahlen auf alle ab. Egal, was kommt und welche Herausforderungen auf uns warten: Wir haben ein unglaublich starkes hauptamtliches Team in der Geschäftsstelle, auf das ich mich vollends verlassen kann. Gemeinsam mit unseren ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen arbeiten wir daran, das Jahr positiv und mit hoffentlich ganz viel Fußball zu gestalten.
