Gemeinsam mit dem Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) und der Stadt Köln hat der DFB zu Schuljahresbeginn 2024/2025 das Pilotprojekt „Fußball macht Schule“ gestartet. Kurz vor den Sommerferien stand im Schatten des RheinEnergieStadions das Abschlussturnier auf dem Programm. Wer den Pokal gewann, war nicht so entscheidend. Es ging um weit mehr.
Jaron nimmt den Ball mit links an, mit rechts passt er ihn weiter, bekommt ihn wieder, stoppt ihn mit links. Dann er zieht ab, mit rechts nach links oben. Es ist der Treffer zum 6:4-Sieg seiner Mannschaft, der Grundschule Mainzer Straße aus der Kölner Südstadt. Jaron ist sieben, er geht dort noch in die zweite Klasse. Nach den Sommerferien, wenn er aus dem Urlaub zurück ist, wird er schon Drittklässler sein. Aber jetzt gerade spielt das alles keine Rolle. Die Schule, die nächste Mathearbeit, die Hausaufgaben, alles weit weg. Jetzt wird gekickt, Fußball gespielt, Tore geschossen, Gegentreffer verhindert, gewonnen und, ja, manchmal auch verloren.
Die Grundschule Mainzer Straße ist eine von 16 Grundschulen aus Köln, die am Pilotprojekt „Fußball macht Schule“ teilgenommen haben. Worum geht es dabei genau? In einer Zeit, in der Kinder oft mehr Pixel als Bewegung sehen, will „Fußball macht Schule“ ein Zeichen setzen: Es ist eine Initiative, die ihren Beitrag dazu leisten soll, dass Kinder wieder mehr Sport machen. Wieder mehr in Bewegung kommen. Im konkreten Fall: mehr Fußball spielen.
Um hier einen Impuls zu geben, hat der DFB im vergangenen Sommer mit Schuljahresbeginn 2024/2025 gemeinsam mit dem Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) und der Stadt Köln die Aktion ins Leben gerufen. Weitere Partner sind die Deutsche Sporthochschule Köln und der Bund Deutscher Fußball-Lehrer. Die Idee: An einem Nachmittag in der Woche bieten qualifizierte und lizenzierte Trainer*innen zusammen mit dem Schulpersonal im offenen Ganztag zwei Stunden Kleinfeldfußball an. Kurz vor den Sommerferien fand das Abschlussturnier im Schatten des RheinEnergieStadions statt – ein ganzer Vormittag, nur Fußball.
Leidenschaft für Fußball
Jetzt kommt Jaron vom Platz. Lächelnd nach dem Sieg und seinen zwei Treffern, aber auch noch etwas außer Atem. Kleines Feld, vier Minitore – kurz ausruhen ist nicht drin. Alle sind immer in Bewegung, gleich geht es schon weiter. Jaron hat nur wenig Zeit. Deshalb fällt seine Einschätzung kurz und knapp aus: „Das Turnier hier ist richtig cool. Es macht Spaß, gegen andere Grundschulen zu spielen. Das erste Spiel haben wir gewonnen. So kann es weitergehen.“ Die Schweißperlen auf seiner Stirn glitzern in der Sonne. Aber der Schein trügt, dunkle Wolken kündigen ein Gewitter an. Jaron merkt das nicht. Stattdessen sagt er noch schnell: „Auch das wöchentliche Training nach der Schule hat Bock gemacht. Fußball macht einfach mehr Spaß als Mathe und Deutsch.“ Dann trinkt Jaron noch einen Schluck Wasser. Nun muss er aber wirklich los. Keine Zeit mehr. Seine Mitspieler warten bereits. „Jaaaaarrrroooooon, komm‘ endlich“, ruft einer. Gleich ist Anpfiff für die nächste Begegnung. Jaron darf nicht fehlen, er ist Kapitän der Mannschaft.
Andreas Rettig ist auch da. Vor ein paar Stunden hat er noch auf der Tribüne im Stadion in Košice in der Slowakei gesessen und den 3:0-Erfolg der deutschen U 21-Nationalmannschaft im Halbfinale bei der Europameisterschaft gegen Frankreich gesehen. Um fünf Uhr morgens ging sein Flieger nach Köln. Jetzt ist der DFB-Geschäftsführer Sport in Köln, um den Kids beim Fußball zuzuschauen. Dieses Finalturnier will sich der 62-Jährige nicht entgehen lassen. Die DFB-Initiative „Fußball macht Schule“ war seine Idee.
„Es begeistert mich zu sehen, mit welcher Leidenschaft die Jungs und Mädchen hier Fußball spielen. So soll es sein. Wenn der Ball rollt, sind alle dabei“, sagt Rettig. „Genauso freut es mich, dass wir dieses Pilotprojekt umsetzen und zu einem erfolgreichen Abschluss bringen konnten. Das allerdings konnte nur funktionieren, weil wir vor allem mit dem FVM und der Stadt Köln sehr schnell zwei starke Partner gefunden haben, die ohne zu zögern direkt am Start waren. Das war tolles Teamwork im wahrsten Sinne des Wortes. Vielen Dank an alle Beteiligten, die diese Initiative zu einem Erfolg gemacht haben. Wir als DFB haben ja nur den Anstoß gegeben, die hervorragende Umsetzung durch unsere Partner war der entscheidende Faktor.“
Sport soll helfen
Jetzt machen die jungen Fußballerinnen und Fußballer eine kurze Trinkpause. Gerade kommt die Mannschaft der Grüneberg-Schule aus Köln-Kalk vom Platz. Das Team wird von Lehrer Emil Schockenbäumer (33) betreut, der auch das Fußballprojekt begleitet hat. Schockenbäumer sagt: „Wir sind in einem Viertel in Köln beheimatet, das komplexe Herausforderungen mit sich bringt. Bei uns leben viele Familien, die gesellschaftlich benachteiligt sind. Armut, prekäre Wohnsituationen und Sprachbarrieren sind Teil des Alltags. Deshalb legen wir an unserer Schule auch einen besonderen Schwerpunkt auf die soziale und emotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler. Wir stellen im Alltag immer wieder fest, dass es gerade in diesen Bereichen häufig zu Konflikten kommt.“ Und hier soll der Sport helfen.
Seitdem das Fußballprojekt läuft, hat Schockenbäumer eine deutliche Verbesserung der Situation bei den Teilnehmenden festgestellt. Fußball als Sprache, wo Worte fehlen. Als Brücke, wo Gräben sind. „Der Fußball gibt den Kindern die Möglichkeit, sich mal richtig auszupowern“, sagt Schockenbäumer. „Außerdem lernen sie auf spielerische Art und Weise den Umgang mit Niederlagen, Regeln und Fairness. Und sie merken, dass man im Fußball erfolgreicher ist, wenn man zusammenhält und als Gruppe agiert. Das soziale Miteinander an unserer Schule hat sich deutlich verbessert.“ Und dann ist die Trinkpause auch schon wieder vorbei. Die Schülerinnen und Schüler der Grüneberg-Schule sind wieder gefordert.
Lena Lotzen schaut sich das bunte Treiben entspannt vom Spielfeldrand aus an. Die 31-Jährige war früher Profifußballerin. Sie hat für den SC Freiburg, Bayern München und den 1. FC Köln gespielt. Außerdem war sie 25-mal für die deutsche Nationalmannschaft im Einsatz. Nach drei Kreuzbandrissen musste sie 2021 ihre Karriere bereits mit 27 Jahren beenden. Heute arbeitet sie als Assistenztrainerin der U 16- und U 17-Juniorinnen des DFB und ist Teil des Kompetenzteams, das die „Trainingsphilosophie Deutschland“ entwickelt. „Wenn ich die Jungs und Mädchen hier kicken sehe, kribbelt es bei mir direkt in den Füßen“, sagt Lotzen. „Da würde ich am liebsten auf den Rasen gehen und mitspielen. Das macht einfach Freude, das zu beobachten.“
Kicken statt Konsole
Im Mittelpunkt der „Trainingsphilosophie Deutschland“ stehen die Spielerinnen und Spieler. Bei der Trainingsgestaltung sind drei verbindliche Qualitätsmerkmale zu beachten: Freude, Intensität und Wiederholungen. Dafür wurde eigens die „Schule des Kleinfeldfußballs“ entwickelt. Damit diese Aspekte auch im Projekt „Fußball macht Schule“ Berücksichtigung finden, werden die Lehrkräfte und das Schulpersonal von ausgebildeten Trainer*innen unterstützt. „Uns geht es bei dem Projekt nicht darum, die kommenden Nationalspielerinnen und Nationalspieler zu entwickeln. Wir wollen die Kinder in Bewegung bringen. Zahlreiche Studien zeigen ja, dass das dringend nötig ist“, sagt Lotzen. „Wir sind früher nach der Schule auf den Bolzplatz gegangen, heute gehen leider viele in ihr Zimmer und zocken an der Konsole.“ „Fußball macht Schule“ stemmt sich gegen diesen Trend – nicht mit dem Holzhammer, sondern mit Spaß. Mit wöchentlichen Trainings, kleinen Erfolgen, neuen Freundschaften. Und vielleicht auch mit einem Perspektivwechsel.
Antea (9) und Toni (10) gehen in die Grundschule Lebensbaumweg in Köln-Heimersdorf. Die beiden Mädchen spielen Fußball gemeinsam mit den Jungs. Zusammen haben sie viel Spaß. Wer mit ihnen sprechen will, bekommt sie nur im Doppelpack. Man stellt eine Frage, eine der beiden antwortet, die andere nickt zustimmend. Wie ist es, als Mädchen mit so vielen Jungs in einer Mannschaft zu spielen? „Kein Problem für uns. Wir sind ein Team.“ Wie war das Jahr im Projekt „Fußball macht Schule“? „Die wöchentlichen Trainingseinheiten waren toll. Wir haben uns die ganze Woche darauf gefreut.“ Was ist hier beim Abschlussturnier möglich? „Wir wollen gewinnen. Mal sehen, ob es klappt. Aber wir geben alles.“ Alles klar, danke. „Bitte, gern geschehen.“ Und dann sind sie weg.
Dass die Initiative erfolgreich aus der Theorie in die Praxis überführt werden konnte, lag vor allem auch am Engagement des Fußball-Verbandes Mittelrhein und der Stadt Köln. Sandra Fritz ist für den FVM vor Ort. Die Geschäftsführerin spricht mit Oliver Seeck, dem Vorsitzenden des Sportausschusses der Stadt Köln, über das Pilotprojekt. Fritz sagt: „Wir sind selbstverständlich sehr daran interessiert, dass das Projekt auch im kommenden Schuljahr durchgeführt wird. Wenn möglich, gerne an noch mehr Grundschulen.“ Seeck betont: „Das sehe ich genauso. Grundsätzlich ist es so, dass wir es schaffen müssen, die Kids in dieser Altersgruppe nachhaltig für den Sport zu begeistern.“ Fritz ergänzt: „Da wird die Grundlage gelegt. Die Erfahrungen zeigen, dass sie dann auch dabeibleiben, wenn sie in jungen Jahren erst einmal Interesse entwickelt haben. Für uns als Verband wäre es natürlich optimal, wenn möglichst viele Kinder über dieses Schulangebot auch den Weg in unsere Vereine finden würden.“ Seeck fügt hinzu: „Wenn man sieht, wie viel Spaß die Jungs und Mädchen hier haben, dann wird das gelingen. Alle Beteiligten profitieren letztlich von dem Projekt.“
Weitere Städte
Auf dem Rasen ist die Gruppenphase mittlerweile beendet. Es stehen jetzt nur noch die Halbfinals und die Endspiele auf dem Programm. Laurenz Bubach ist Projektleiter für „Fußball macht Schule“ und hat den Vormittag bisher perfekt organisiert. Jetzt schaut er nervös auf sein Handy und checkt die Wetter-Apps. Der Regen kommt, das ist ziemlich sicher. Nur wann genau? „Wir müssen nun schnell zum Ende kommen“, sagt Bubach. Wenn es gleich vorbei ist, werden hier 132 Spiele auf dem Programm gestanden haben. „Das Feedback von allen Beteiligten zeigt, dass das Pilotprojekt als Erfolg gewertet werden kann. Köln war ein super Auftakt. Jetzt wird es darum gehen, weitere Städte einzubinden. Mit Hamburg beispielsweise sind wir bereits in sehr guten Gesprächen. In Köln soll es im kommenden Schuljahr mit Unterstützung des 1. FC Köln weitergehen.“
Dann ertönt ein lauter Pfiff. Der Showdown ist eröffnet. Wer gewinnt den Titel beim Abschlussturnier des Pilotprojekts „Fußball macht Schule“? Bei den Dritt- und Viertklässlern siegt schließlich das Team der Grüneberg-Schule aus Kalk. Beim Turnier für die Klassen eins und zwei triumphiert die KGS Mainzer Straße aus der Kölner Südstadt. Jaron, der eben noch gedribbelt, geschossen, gejubelt hat, nimmt die Urkunde entgegen. Stolz, glücklich, etwas müde. Der wahre Preis ist jedoch längst verteilt. Er steckt in den strahlenden Gesichtern, im Teamgeist, der noch lange nach Abpfiff bleibt. Und wenig später – als alle weg sind, als alles abgebaut ist – kommt er dann wirklich: der große Regen. Doch das stört jetzt niemanden mehr.
ÜBERBLICK
PROJEKTZIEL: Schüler*innen durch Fußball in zusätzliche Bewegung bringen
PROJEKTANSATZ: DFB & Landesverband vernetzen regionale Partner des Fußballs (z. B. Lizenzvereine, Hochschulen/Universitäten, Bund Deutscher Fußball-Lehrer). Das Netzwerk stellt qualifizierte Trainer*innen für Fußball-AGs im Rahmen des offenen Ganztags. Der Landesverband vermittelt die Trainer*innen an Schulen mit Ganztag/Schulämter. Angewandt wird bei den Trainingseinheiten die „Schule des Kleinfeldfußballs“ (3:3).
PILOTPROJEKT: In einer Ausschreibung bewarben sich von den 154 Grundschulen mit Ganztag mehr als 70 bei der Stadt Köln für das Projekt. Ausgewählt wurde u. a. nach sozialen und infrastrukturellen Kriterien, 16 Projektschulen im gesamten Kölner Stadtgebiet bekamen den Zuschlag. 28 Trainer*innen waren im Einsatz. Fast 1.000 Schüler*innen wurden über das Projekt erreicht. Für das Schuljahr 2025/2026 ist eine Fortsetzung des Projekts in Zusammenarbeit mit dem 1. FC Köln geplant.
