Jürgen Kohler ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Fußballer, unter anderem Weltmeister 1990. Eine Auflistung seiner Titel würde den Rahmen sprengen. Aber das ist Vergangenheit, was zählt, ist die Gegenwart. Und da hat sich der 60-Jährige für einen bemerkenswerten Weg entschieden. Kohler ist seit über drei Jahren in der Nachwuchsförderung aktiv. Aktuell trainiert er die U 17 des Bonner SC im Fußball-Verband Mittelrhein. Was treibt ihn an? Und was können die Talente von ihm lernen?
Jürgen Kohler, was treibt Sie an, den Nachwuchs beim Bonner SC zu trainieren?
Jürgen Kohler: Mein Freund Deniz Bakir war bei der ganzen Sache sehr entscheidend. Deniz ist sportlicher Leiter der Nachwuchsabteilung des Bonner SC. Vor über drei Jahren hat er mich angerufen und zu mir gesagt: "Du, Jürgen, wir haben ein Problem. Mein A-Jugendtrainer ist weggegangen. Für ihn übernimmt der Kollege aus der D-Jugend. Aber da haben wir jetzt eine Vakanz. Kannst du kurz einspringen. Höchstens ein paar Wochen, nur bis Weihnachten. Versprochen."
Was haben Sie geantwortet?
Kohler: Einen guten Freund lässt man ja nicht im Stich. Also bin ich eingesprungen. Die Geschichte war ja nur auf einen überschaubaren Zeitraum ausgelegt.
Na ja, das hat irgendwie nicht funktioniert.
Kohler: Aus einem kurzen Zeitraum sind mittlerweile über drei Jahre geworden.
Warum sind Sie immer noch dabei?
Kohler: Weil es unglaublich viel Spaß macht, die Jungs fußballerisch und beim Erwachsenwerden zu begleiten.
Ihnen geht es also nicht nur um die fußballerische Verbesserung, sondern auch um die persönliche Entwicklung der Spieler?
Kohler: Ja, natürlich. Der Fußball ist nur einer von mehreren Aspekten. Ich habe zahlreiche Jungs in der Mannschaft, die aus komplizierten familiären Verhältnissen kommen. Viele haben auch einen Migrationshintergrund. Der Fußball ist ein hervorragendes Mittel, um sie hier zu integrieren. Aber das funktioniert nur, wenn die Jungs das auch wollen. Ich unterstütze sie dabei, so gut es geht.
Wie zum Beispiel?
Kohler: Ich lasse mir von allen immer das Halbjahres- und das Abschlusszeugnis nach einem Schuljahr zeigen. Wenn sie einen bestimmten Notendurchschnitt erreicht haben, geht es weiter bei mir, und sie bekommen meine volle Unterstützung. Wenn die schulischen Leistungen nicht in Ordnung sind, werden sie bei mir nicht spielen. Egal, wie gut die fußballerisch auch sind. Fußball ist schön und gut und wichtig. Aber die Schule ist wichtiger. Wer bei mir trainiert, muss sich neben dem Fußball ein zweites Standbein aufbauen. Eine gute schulische Ausbildung ist das Fundament für alles weitere.
Wie kann der Fußball bei der Integration helfen?
Kohler: Migration und all die Herausforderungen, die damit einherkommen, sind bei uns definitiv ein ganz großes Thema. Für die Jungs und im zweiten Schritt auch für die Eltern ist der Fußball eine gute Möglichkeit, um einen anderen Weg einzuschlagen und bei uns Anschluss zu finden. Wir arbeiten daran. Aber es wird dennoch nicht jeder schaffen. In meiner Mannschaft kommen die unterschiedlichsten Kulturen und Glaubensrichtungen zusammen. Das ist wirklich Multikulti im besten Sinne. Und das Schöne ist: Wenn der Ball rollt, spielt das alles keine Rolle mehr. Der Fußball verbindet sie alle. Es ist faszinierend, das zu erleben.
Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang Werte, die Sie möglicherweise vorgegeben haben?
Kohler: Sehr wichtig. Deshalb versuche ich auch jeden Tag, sie vorzuleben. Mir sind Aspekte wie Gemeinschaft, Fair Play, Zusammengehörigkeitsgefühl und Respekt voreinander mindestens genauso wichtig wie der sportliche Erfolg. Auch Transparenz ist mir ganz wichtig. Ich habe den Spielern gesagt, dass sie mir offen sagen sollen, wenn sie mal keinen Bock auf Training haben. Dann ist das okay. Ich hatte aber auch einen Fall, der war nicht in Ordnung. Da hat sich ein Spieler krankgemeldet, und dann habe ich den nachmittags bei bester Gesundheit in Bonn Kaffee trinken gesehen. Das geht bei mir nicht, den habe ich dann rausgeschmissen. Ein solches Verhalten schadet der Gruppe.
Lassen Sie uns über Fußball sprechen. Im Sommer werden Sie mit der Mannschaft in die A-Jugend übergehen. Dann ist es nur noch ein Schritt in den Männerfußball. Geht es jetzt auch darum, die Jungs darauf vorzubereiten?
Kohler: Natürlich. Ich hoffe, dass wir hier das eine oder andere Talent nach oben bringen können. Am liebsten natürlich in der ersten Mannschaft des Bonner SC in der viertklassigen Regionalliga, aber eventuell auch woanders. Das muss jeder für sich entscheiden. Es gehört zum Geschäft, dass die richtig guten Spieler manchmal eben auch den Verein wechseln. Ich weiß, dass einer meiner Jungs beim 1. FC Köln auf dem Zettel steht. Der eine oder andere liebäugelt damit, in ein Nachwuchsleistungszentrum zu gehen. Das ist ja auch alles in Ordnung. In der Zeit, in der ich jetzt hier bin, haben sich zwei der Jungs zu Junioren-Nationalspielern entwickelt. Das ist schön, aber das ist nicht unser erstes Ziel. Es geht uns vor allem darum, hier Fußball auf ordentlichem Niveau anbieten zu können.
Also befinden Sie sich beim Bonner SC irgendwo zwischen Amateurfußball mit Blick Richtung Profifußball?
Kohler: Die Jungs wollen natürlich alle Profis werden. Aber die wenigsten werden es schaffen. Trotzdem will ich nicht von reinem Amateurfußball sprechen, den wir hier spielen. Dafür sind wir zu ambitioniert. Wir haben zweimal knapp den Aufstieg in die Nachwuchs-Bundesliga verpasst. Wir wollen das aber schaffen.
Wie erleben Sie die Generation der 17-Jährigen?
Kohler: Ich habe selbst Kinder und denke, dass ich ganz gut einschätzen kann, was gerade in dem Kopf des einen oder anderen los sein könnte. Grundsätzlich ist es aber auch so, dass die Jungs Vertrauen zu mir haben. Sie wissen, dass sie mich immer ansprechen können, wenn es ein Problem gibt - selbstverständlich auch abseits des Fußballs. Ich bin nicht nur ihr Trainer, sondern für viele auch Vertrauensperson.
Kennen Ihre Spieler auch die Vita des Fußballers Jürgen Kohler?
Kohler: Ganz am Anfang war das mal ein Thema. Zuerst wussten die nicht, wer da vor ihnen steht. Dafür sind die viel zu jung. Das ist eine ganz andere Generation. Sie haben dann etwas gegoogelt und es herausgefunden. Ich habe ein paar Fragen zu meiner eigenen Karriere beantwortet, danach war es auch wieder gut. Mittlerweile ist meine Vergangenheit fast gar kein Thema mehr. Und das ist auch gut so. Es geht nicht um mich, sondern um meine Spieler. Wir leben im Jetzt und nicht im Damals. Ich möchte die Jungs fußballerisch und menschlich entwickeln. Meine Vita spielt dabei keine Rolle.
Dennoch die Frage: Wie schauen Sie auf Ihre Karriere zurück?
Kohler: Ich bin dankbar für die Erfolge, die ich feiern durfte. Ich konnte mein Fußballerleben ausleben, mit allen Facetten, die dieser tolle Sport mit sich bringt. Ich bin im Reinen mit mir. Ich will mich nicht in den Mittelpunkt stellen. Noch mal: Mir geht es um meine Spieler. Die befinden sich im ersten Drittel ihres Lebens und haben noch ganz viel vor sich. Ich bin im letzten Drittel meiner Zeit. Aber ich hoffe natürlich, dass ich noch viele, viele gute Jahre vor mir habe.
Könnten Sie sich auch vorstellen, noch mal bei einem anderen Verein zu arbeiten?
Kohler: Ja, natürlich. Warum denn auch nicht? Aber es muss passen. Ich bin hier im Moment glücklich und habe schon das eine oder andere abgesagt. Aktuell ist der Weg, den wir hier gemeinsam gehen, der richtige für mich. Ich bin nicht bereit, diesen für die erstbeste Anfrage zu verlassen oder mich zu verbiegen.
