Toni Schumacher (69) ist eine Fußball-Legende in Deutschland. Der ehemalige Weltklasse-Torwart (76 Länderspiele, 422 Bundesligaspiele für den 1. FC Köln) ist aktuell Sport-Botschafter für die Stadt Köln und auch Kölns Aushängeschild für die UEFA EURO 2024.
Der Europameister von 1980, der gemeinsam mit FVM-Präsidenten Christos Katzidis bei der offiziellen FVM-Saisoneröffnung am 11. August (19:30 Uhr) beim Bonner SC den Anstoß in die EURO-Saison übernimmt, spricht vor Saisonstart mit uns im Interview über die bevorstehende EURO 2024 im eigenen Land, die kommende Bundesligasaison, seine Sympathie für den Frauenfußball und seine Arbeit als EM-Botschafter.
Wie groß ist Ihre Vorfreude auf die anstehende Bundesligasaison?
Auch wenn ich nicht mehr aktiv bin, steigt die Freude auf den Start der Bundesliga von Tag zu Tag. Besonders die letzte Spielzeit hat sehr viel Spaß gemacht, endlich gab es wieder einen spannenden Meisterkampf zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund.
Ich bin gespannt, was die Münchner aus dem Hut zaubern werden und wie die anderen Teams reagieren werden. Ich bin sicher, dass Dortmund den Nackenschlag des letzten Spieltages in der Sommerpause verarbeiten konnte. Nach so einem negativen Ereignis kam bei mir immer die „Jetzt erst recht-Mentalität“ heraus.
Es sind noch knapp zehn Monate bis zur EURO 2024 in Deutschland. Wie wichtig sind die kommenden Monate für die Profis, um sich für den Kader von Bundestrainer Hansi Flick zu empfehlen?
Sehr wichtig. Der Fokus muss komplett auf dem Fußball liegen. Da gilt es besonders, dass man keine Überdinge auf dem Rasen erzwingen will, sondern sich auf seine Stärken besinnen soll. Die Kandidaten müssen mit konstanten Leistungen beweisen, dass sich der Trainer in jeder Minute auf den Spieler verlassen kann. Das will nicht nur der Trainer sehen, sondern auch die Fans auf der Tribüne.
Was trauen Sie der DFB-Elf bei der EM zu?
Das ist derzeit schwer zu sagen. Nationen wie Frankreich oder Spanien haben noch größere Schuhe an als unsere Mannschaft. Aber das bedeutet nicht, dass wir diesen Teams nicht Paroli bieten können. Das DFB-Team muss in den nächsten Monaten aber zulegen, denn meiner Meinung nach wird es nicht funktionieren, wenn man erst zur Europameisterschaft gut spielt. Man muss die Zuschauer wieder hinter sich bringen. Das klappt nur, wenn man viel Leidenschaft zeigt, die Fans mitnimmt und auf dem Rasen alles gibt. Dann könnte ein positiver Hype entstehen und wir werden eine erfolgreiche EM absolvieren.
Sie waren selbst als Nationalspieler bei einer EM dabei und holten sogar den Titel 1980. Welche Erinnerungen haben Sie noch an das Turnier? Und welche Erfahrungen und Tipps können Sie an das aktuelle Team weitergeben?
Natürlich erinnere ich mich gerne an 1980 und den Turniersieg. Wir hatten eine tolle Mannschaft, die als Einheit auf dem Platz stand und hatten den Fokus auf das Wesentliche gelegt. Wichtig ist, dass Führungsspieler den jungen Nationalspielern ein gutes Gefühl geben und für sie da sind. Wir hatten 1982 mit Karlheinz Rummenigge, Paul Breitner, Felix Magath oder mir Akteure dabei, die auf dem Rasen immer an einem Seil gezogen haben. Gleichzeitig sollte kein Lagerkoller aufkommen, sondern man braucht während eines Turniers mal Zeit für sich und den nötigen Ausgleich. Der Trainer muss die Balance zwischen langer Leine und deutlicher Ansprache finden. Ich selbst habe bei der WM 1982 zu besessen gearbeitet und dann ein wenig überdreht.
Bei der EURO 2024 sind Sie Botschafter für die Spiele in Köln. Was sind ihre Aufgaben und worauf freuen Sie sich am meisten?
Ich bin sehr stolz, dass ich Köln als EM-Botschafter repräsentieren darf. Ich habe den Menschen der Stadt Köln gesagt, dass ich zu allem bereit bin, was Spaß macht. Dafür halte ich mir Termine frei. Wir werden uns sicher noch ein paar Sachen zusammen ausdenken.
Worauf können sich die Fans freuen, die nach Köln kommen?
Wir sind in Köln ein weltoffenes Völkchen, das gerne feiert, jeden Gast Willkommen heißt und jeden Menschen gerne in den Arm nimmt. Da ist es völlig egal, woher er kommt, welche Orientierung er hat oder welche Fahne er schwenkt. Das beweisen wir jedes Jahr im Karneval und bei den großen CSD-Umzügen. Wir wollen zeigen, dass in Köln das Herz der Europameisterschaft schlägt. Am Ende des Turniers sollen alle Gäste mit einem guten Gefühl nach Hause reisen und sagen, dass Köln eine super Stadt ist. Hier leben besondere Menschen mit viel Herz.
Was ist vor dem Turnier in Köln geplant und was in den Wochen, an denen die fünf Spiele in Köln stattfinden?
Es ist ein riesiges Programm während der ganzen EURO geplant. Am Heumarkt wird ein großes EM-Dorf entstehen, wo sich die Fans treffen und feiern können. Im Tanzbrunnen wird es ein riesiges Public Viewing mit großen Leinwänden geben. Und der Fußball-Verband Mittelrhein bietet mit der Football Experience ein großes Mitmachangebot für alle an.
Wie wichtig ist die EURO auch für die Arbeit in den Fußballvereinen an der Basis und insbesondere für die Jugendförderung des Fußballs?
Eines muss ich deutlich sagen: Ohne das Ehrenamt und Jugendtrainer würde es keine Profiligen geben. Denn ohne die Basis würde man keine Spieler herausbringen. Ich selbst habe bei Schwarz-Weiß Düren begonnen. Die EM ist eine spezielle Möglichkeit, um den Fans zu zeigen, wo ihre Idole wie Joshua Kimmich, Leon Goretzka oder Manuel Neuer ihre ersten Fußballerfahrungen als Kinder gesammelt haben.
Bei der WM 2006 gab es in Deutschland ein echtes Sommermärchen mit einem riesigen Hype für den deutschen Fußballs. Ist das auch bei der EURO 2024 möglich? Wie?
Der Funke muss sich von der Mannschaft auf die Zuschauer übertragen. Bei der WM 2006 hatten wir mit Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski zwei junge Wilde, die alle mitgerissen haben. Sie haben mit ihrer Art das Feuer entfacht. Solche Spieler haben wir mit Leroy Sané auch im Kader, sie müssen es nur abrufen. Die Besucher können bei so einem großen Turnier Berge versetzen und die Mannschaft mittragen. Die Jungs müssen den Fans aber auch zeigen, dass sie alles auf dem Platz lassen. Und natürlich erfolgreiche Spiele bestreiten. Wenn wir wie zuletzt bei der WM in der Vorrunde ausscheiden, dann ist es mit der Stimmung schnell vorbei.
Was macht Sie optimistisch, dass es auch organisatorisch ein erfolgreiches Turnier werden wird?
Da mache ich mir gar keine Sorgen. Deutschland kann und wird ein perfekter Gastgeber sein. Nicht nur, was den organisatorischen Bereich angeht, sondern auch die Herzlichkeit.
Sie sind auch ein großer Fan des Frauenfußballs. Woher kommt die Sympathie?
Ich verfolge den Frauenfußball schon seit vielen Jahren, als Bergisch Gladbach noch viele Erfolge errungen hat. Das waren quasi die Vorreiter für den Erfolg in der heutigen Zeit. Ich habe schon damals großen Respekt vor der Leistung gehabt. Auch meine Frau und meine Tochter sind große Fußball-Fans. Ich habe lange gespielt und war sieben Jahre im Vorstand des 1. FC Köln. Das hat schon abgefärbt und gezündet.
Trotzdem wollten Sie selbst zunächst nicht, dass ihre Tochter Fußball spielt. Warum?
Das lag vor allem am Namen Schumacher. Da stellt jeder gleich den Vergleich zum Vater an, der Druck war immens hoch. Das ist bei Michael Schumacher und seinem Sohn Mick in der Formel 1 nicht anders. Ich glaube, ich habe damals die richtige Entscheidung getroffen. Heute denke ich mir aber, sie hätte es vielleicht doch versuchen sollen. Aber das ist nun vorbei. Sie ist weiterhin großer Fan, war zuletzt beim Champions League-Finale des VfL Wolfsburg gegen Barcelona live im Stadion. Und selbst spielt sie in der Universitätsmannschaft von Sterling.
In den letzten Jahren ist der Frauenfußball in Deutschland deutlich populärer geworden. Woran machen Sie das fest?
Glücklicherweise werden die Akzeptanz und die Sympathie auch bei uns in Deutschland immer größer. Die Spiele der Bundesliga, der Pokal und die internationalen Begegnungen werden im Fernsehen übertragen. Das bringt weitere Sponsoren und eine größere Plattform für die Frauen. Sicherlich müssen die Strukturen weiter professionalisiert werden. Aber ich mache mir keine Sorgen um den Frauenfußball, weil der Respekt vor der Leistung weiter wächst. Den haben sich die Spielerinnen hart erarbeitet und das ist wunderbar.
Köln ist mittlerweile durch die Ausrichtung des DFB-Pokalfinals der Frauen im RheinEnergieStadion zu einem Fixpunkt für den Frauenfußball geworden. Wie wichtig ist dieses Event?
Es war eine der wichtigsten Entscheidungen, dem Frauen-Pokalfinale ein eigenes Zuhause zu geben. Ein Vorspiel in Berlin vor dem Männerfinale ging komplett unter. Wir in Köln freuen uns sehr, dass es das Finale in einem würdigen Rahmen im RheinEnergieStadion gibt. In diesem Jahr hat es die 13. Ausgabe gegeben und das Spiel war nahezu ausverkauft. Da macht es für mich umso mehr Spaß, sich für den Frauenfußball einzusetzen. Und ich bin stolz darauf, dass die Partie auch in den kommenden Jahren in Köln ausgetragen wird. Wir stellen das perfekte Ambiente.
Der DFB hat sich zusammen mit den Niederlanden und Belgien für die Ausrichtung der Frauen-WM 2027 beworben. Ist das ein weiterer Schritt in Richtung größere Akzeptanz und Professionalität des Frauenfußballs?
Natürlich wäre das ein tolles Event und ein weiteres positives Zeichen für den Frauenfußball in Deutschland. Und ich bin davon überzeugt, dass Köln eine hervorragende Spielstätte im Jahr 2027 wäre. Schließlich gibt es das kölsche Lied Viva Colonia mit der Textzeile: Da sin mer dabei, dat is prima!
EURO-Feeling bei der der FVM-Saisoneröffnung in Bonn: Kick-Off zur EURO-Saison.
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