Die letzte Minute läuft. Beim Stand von 0:0 gibt es einen Foulelfmeter. Die Chance, im letzten Spiel den Aufstieg für sich zu entscheiden. Jetzt ist nicht nur ein sicherer Elfmeterschütze gefragt, sondern auch einer, der die Nerven behält. Mit anderen Worten: Mentale Stärke ist gefragt. Was im Training oder bei weniger entscheidenden Spielen mit Leichtigkeit gelingt, fällt in entscheidenden Situationen viel schwerer.
So wird der Fußball zur Kopfsache. Psychologie ist gefragt. Der Sportpsychologe Hans Eberspächer hat es treffend auf den Punkt gebracht: Es reicht nicht gut zu sein. Sportler und Sportlerinnen müssen gut sein, wenn es darauf ankommt. Höchstleistungen müssen im Wettkampf oder Spiel abgerufen werden – idealerweise zu den Saisonhöhepunkten. Doch, wenn viel auf dem Spiel steht, geht oft der Fokus verloren. Die innere Welt dreht sich dann um die Konsequenzen. Im Kopf dominieren Bilder von Sieg oder Niederlage und die damit verbundenen Folgen. Dies kann das Weiterkommen oder Ausscheiden in einem Turnier, der Gewinn der Meisterschaft oder der Abstieg sein. Ebenso geht der Fokus verloren, wenn die Gedanken in die Vergangenheit gerichtet sind. Wenn England sich bei einem Turnier in die KO-Runde vorarbeitet, werden oft die vergangenen Misserfolge bei Elfmeterschießen thematisiert. Richten die Spieler die Aufmerksamkeit auf vergangene Misserfolge oder die Konsequenzen, dann geht ihnen oft das Selbstvertrauen abhanden.
Der Fußball hat hier bereits einige Geschichten geschrieben. Dass bei der WM 2014 Deutschland Gastgeber Brasilien mit 7:1 im Halbfinale besiegt hat, lässt sich nicht mit der Spielstärke erklären. Vielmehr scheinen andere Faktoren eine Rolle gespielt zu haben. Im Viertelfinale hatte sich Superstar Neymar verletzt. Vor dem Anstoß galt viel Aufmerksamkeit dem verletzten Akteur. Nach elf Minuten ging „Die Mannschaft“ durch Thomas Müller in Führung. Die Brasilianer agierten zunehmend verunsichert. Als Miroslav Klose in der 23. Spielminute dann das 0:2 aus Sicht der Gastgeber erzielte, ging jegliche Spielordnung in der Selecao verloren. Bis zur 29. Minute fielen die Tore drei, vier und fünf für die DFB-Elf. Nach nicht einmal einer halben Halbzeit lagen die Gastgeber aussichtlos im WM-Halbfinale mit 0:5 hinten.
Vertrauen in sich selbst
Eine Erklärung ist, dass die Brasilianer plötzlich mental ihre Leistung nicht abrufen konnten. Sie hatten das Vertrauen in ihre Fähigkeit verloren, agierten unsicher. Eine Abwärtsspirale entstand. Das fehlende Selbstvertrauen führte zu Missgeschicken. Dies verunsichert weiter. Die plötzlichen Gegentreffer reduzieren weiter das Selbstvertrauen. Ähnlich Kurioses hatte die DFB-Nationalelf zuvor in der WM-Qualifikation gegen Schweden erlebt. Bis zur 62. Minute führte die Mannschaft mit 4:0. Dann schoss Ibrahimovic den Anschlusstreffer. In der 76. Minute stand es nur noch 4:3. Schließlich glichen die Schweden in der Nachspielzeit noch zum 4:4 aus. Die Schweden, die spielerisch unterlegen waren, konnten durch die bessere mentale Verfassung am Ende doch noch punkten, die Deutschen verloren den Glauben an ihre Stärke. Auch das Ausscheiden der „Mannschaft“ bei der WM in Russland kann man in diese Kategorie einordnen.
Mentale Stärke trainieren
Die Spiele zeigen eindrucksvoll, wie wichtig auch die mentale Leistungsfähigkeit von Spielern und Mannschaften ist. Das Interessante: Auch mentale Stärke lässt sich trainieren! Doch wie?
Eine interessante Methode, um die eigene Kompetenzerwartung, d.h. die Überzeugung, in entscheidenden Situationen seine Leistung abrufen zu können, zu verbessern, kann anhand des Prognosetrainings nach Eberspächer trainiert werden. Hierfür wird im Training eine Übung ausgewählt (z.B. Torschuss) in der der Spieler eigenständig eine Prognose für seine abzurufende Leistung abgeben soll. Am Beispiel des Torschusstrainings kann der Spieler angeben, dass er von vier Versuchen, drei erfolgreich mit einem Treffer abschließen möchte. Im Anschluss an die Übung erfolgt dann eine Reflexion: Hat die Prognose mit dem Ergebnis der Übung übereingestimmt? Habe ich mich über- oder unterschätzt? Muss ich meine Prognose für das nächste Mal verändern? Auf diese Weise lernen Spieler, mit eigenen Zielen, Erfolgen und Misserfolgen unter psychischer Belastung umzugehen. Um die Schwierigkeit des Prognosetrainings zu erhöhen, kann dem Gegner die Prognose noch mitgeteilt werden. So könnte bei einer Elfmeterübung im Training der Spieler dem Torwart mitteilen, dass er den Ball „links unten“ spielen möchte. Auf diese Weise wird der Druck beim Spieler erhöht und eine stärkere Anspannung, wie es auch in einer Wettkampfsituation auftritt, hervorgerufen.
Sechs Faktoren entscheidend
Mentale Stärke ist auch gefordert, wenn eine Mannschaft gegen einen Favoriten spielen muss. Lothar Linz führt dies gut am Beispiel „David gegen Goliath“ aus und sagt, dass sechs Faktoren entscheidend sind, um als Nicht-Favorit erfolgreich zu sein:
- Mut, Unerschrockenheit
- Vertrauen auf den Sieg
- Wissen um seine Stärken und Einsatz genau dieser Stärken
- Handeln, ohne zu zögern
- Überraschungsmoment (Als Erster handeln)
- Gnadenlosigkeit
Besonders der letzte Punkt erscheint wichtig. Es reicht nicht aus, ein Tor zu schießen und zu hoffen, dass in diesem Spiel ein 1:0 reichen könnte. Die Mannschaft sollte vielmehr anstreben, die Motivation und das Vertrauen in sich selber weiter hoch zu halten, um einen weiteren Treffer zu erzielen und den Gegner mental zu bezwingen.
Handlungsanweisungen erarbeiten
Für das Training mentaler Stärke kann es wichtig sein, schwierige Situationen, die im Spiel auftreten können, zuvor zu besprechen und genaue Handlungsanweisungen zu erarbeiten, sodass jeder Spieler weiß, was in der entsprechenden Situation zu tun ist. Beispielsweise kann die Reaktion nach einem eigenen Treffer besprochen werden und als Handlungsziel „In den nächsten fünf Minuten nach dem Treffer besonders auf das Zweikampfverhalten konzentrieren“ erarbeitet werden, um einen Spannungsabfall der eigenen Mannschaft nach dem Tor zu verhindern, die Konzentration weiterhin hochzuhalten und vorzubeugen, dass der Gegner mit einem Gegentor reagiert. Wichtig ist es, diese Handlungsanweisungen auch im Training zu trainieren, um ein automatisches Abrufen im Spiel ermöglich zu können.
Des Weiteren kann auch ein Signalwort passend zu dem Ziel eingeführt werden, um ein schnelleres Abrufen des Ziels zu gewährleisten. Somit kann der Trainer mehr Sicherheit bei schwierigen Situationen, welche häufiger im Spielgeschehen auftreten können, bei seinen Spielern schaffen und diese mental darauf vorbereiten.
Mentale Stärke kann so in das Training integriert werden. Vereine, die an sportpsychologischer Expertise interessiert sind, finden geeignete Experten in der Expertenliste des Bundesinstitutes für Sportwissenschaften www.bisp-sportpsychologie.de.
Info
Im Film zur WM 2006 „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (Sönke Wortmann) ist eine Einheit zum Prognosetraining visualisiert, nach welcher der Verlierer, im Film Bastian Schweinsteiger, seine Mannschaft beim Essen bedienen muss
Literaturtipps
Eberspächer, Hans (2011). Gut sein, wenn’s drauf ankommt. Von Top-Leistern lernen. (3., überarbeitete Auflage). München: Carl Hanser Verlag. Eberspächer, Hans (2012). Mentales Training. Das Handbuch für Trainer und Sportler (8., durchgesehene Neuauflage). München: Copress Verlag. Linz, Lothar (2004). Erfolgreiches Teamcoaching. Ein Team bilden. Ziele definieren. Konflikte lösen (4., überarbeitete Auflage). Aachen: Meyer & Meyer Verlag.
Über die Autoren:
Dr. Hilko Paulsen hat Psychologie studiert und unter anderem zum Thema „Stimmungen in Gruppen“ geforscht. Er arbeitet als Berater und Trainer in Wirtschaft, Verwaltung und Sport. Zudem ist er als Schiedsrichter tätig.
Eda Tezer hat Psychologie studiert und im Anschluss die Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin begonnen. Zudem hat sie eine Ausbildung zur Sportpsychologin absolviert. Sie arbeitete u.a. mit Mannschaften aus dem Senioren- und Jugendbereich im Fußball-Verband Mittelrhein zusammen.
