Dr. Paul Klein ist Facharzt für Orthopädie mit der Zusatzbezeichnung Sportmedizin und seit 2004 Teamarzt des 1. FC Köln. In der vergangenen Woche sprach er bei der Fortbildung Fußballmedizin auf auf dem DFB-Campus in Frankfurt am Main zum Thema Knieverletzungen. Und nahm sich die Zeit für ein FUSSBALL.DE-Interview, in dem er erklärt, worauf Amateuersportler*innen in der Reha von schweren Verletzungen achten können- und wie sie Schlimmerem vorbeugen können.
Herr Klein, was können Spieler*innen im Amateurverein tun, um schweren Verletzungen vorzubeugen?
Dr. Paul Klein: Bei Amateurvereinen ist die Situation anders als im Profifußball. Man muss kreativer werden. Beispielsweise kann man sich bei der Verwaltungsberufsgenossenschaft gute Tools zur Prävention anschauen. Alternativ gibt es das Programm FIFA 11+ frei verfügbar im Web, das zeigt, wie man sich vor dem Training oder dem Spiel optimal aktivieren kann.
Das heißt, um Verletzungen vorzubeugen, muss man sich vor allem gut vorbereiten?
Dr. Klein: Genau. Man sollte prüfen, ob man Defizite hat, die man beheben kann – beispielsweise beim Springen oder Landen. In den Situationen ohne Körperkontakt sollten Spieler*innen gut vorbereitet und stabil sein.
Gibt es eigentlich frühe Anzeichen dafür, dass Sportler*innen für bestimmte Verletzungen besonders gefährdet sind?
Dr. Klein: Ja, einfache Tests können schon viel zeigen. Ein Beispiel: Wenn Fußballer*innen Probleme in den unteren Extremitäten bemerken, reicht oft eine einbeinige Kniebeuge, um zu sehen, ob die Person stabil steht oder das Bein in eine Richtung wegknickt. Hat sie die Kraft, die Übung mehrfach sauber auszuführen? Bei Verletzungen im Fußball geht es häufig darum, wie sich das Bein im Raum bewegt. Dafür gibt es einfache visuelle Tests.
Und diese Übungen können auch ohne spezielle Gerätschaften im Amateurverein stattfinden?
Dr. Klein: Bestimmte einfache Übungen kann jede Spielerin und jeder Spieler auch bei Amateurvereinen durchführen. Es gibt Manuals, unter anderem von der Verwaltungsberufsgenossenschaft. Darin stehen Übungen, die man zunächst als Ausgangswert nutzt und später erneut testet. Dazu gehören zum Beispiel Laufbelastungs- oder Beweglichkeitsübungen, die sich leicht umsetzen lassen. Manchmal braucht es jemanden, der auf die korrekte Ausführung der Übungen achtet – etwa Physiotherapeut*innen. Das Training selbst müssen die Sportler*innen aber eigenständig machen.
Wenn dann doch eine schwere Verletzung passiert: Was sind die häufigsten Fehler in der Reha, die dazu führen, dass sich Spieler*innen erneut verletzen?
Dr. Klein: Häufig wird zu sehr auf die Regenerationszeit geblickt und viel zu wenig auf die Funktion der verletzten Struktur. Bei einer Verletzung wie einem Kreuzbandriss gehen viele Sensoren im Knie verloren, die normalerweise Rückmeldung über die Position des Gelenks geben. Es geht auch darum, ob die Muskulatur zur richtigen Zeit ansteuert. Mit sechs Monaten Regeneration und ein paar Läufen ist es leider noch nicht geschafft. Die Defizite in der Funktion des Gelenks sind dann meist noch nicht aufgearbeitet. So liegt zum Beispiel die mittlere Ausfallzeit bei Spielern aus dem europäischen Spitzenfußball nach Kreuzbandriss bei achteinhalb Monaten.
Bei schweren Verletzungen ist eine schnelle, professionelle Behandlung wichtig. Vielen fehlt aber der direkte Zugang zu spezialisierten Ärzt*innen. Haben Sie Tipps, wie man geeignete Profis findet?
Dr. Klein: Es lohnt sich zu recherchieren, ob es in der Umgebung Vereine gibt, die in einer Sportart in der Bundesliga spielen. Dann kann man schauen, welche Ärzt*innen dort tätig sind. So kann man versuchen, Kontakt zu Mediziner*innen aufzunehmen, die auf Sport spezialisiert sind – was im Alltag gar nicht so häufig der Fall ist. Außerdem kann es helfen, im Bekanntenkreis nachzufragen: Wer kennt jemanden, der im Sportbereich arbeitet? Einfach ist das natürlich nicht immer.
Warum haben vor allem Spielerinnen häufiger Kreuzbandrisse als die Männer?
Dr. Klein: Das ist noch nicht abschließend geklärt. Vermutlich spielt die Beinachse eine Rolle: Frauen haben häufiger eine X-Beinachse, die den typischen Unfallmechanismus eher begünstigt als O-Beine. Auch hormonelle Einflüsse scheinen relevant zu sein. Der Hormonstatus verändert sich im Verlauf des Zyklus, und möglicherweise beeinflusst das das Verletzungsrisiko – endgültig geklärt ist das aber wie gesagt noch nicht.
