Nur noch wenige Tage bis zum großen Endspiel! TSV Alemannia Aachen trifft im Rahmen des Finaltags der Amateure auf Viktoria Köln und beide Vertreter kämpfen nicht nur um den Bitburger-Pokal, sondern auch um den Einzug in den DFB-Pokal 2025/26. Doch was macht beide Klubs aus? Wer sind die Spieler, auf die es zu achten gilt? Wir werfen einen Blick drauf.
Der Klub
Die Bühne ist seit Sommer vergangenen Jahres eine andere als zuvor. TSV Alemannia Aachen ist zurück im deutschen Profifußball. In der Dritten Liga weht ein anderer Wind als in der Regionalliga West. Namhafte Vereine mit qualitativ stark besetzten Teams sind nun nahezu ausnahmslos die Gegner des Aufsteigers. Statt von Sieg zu Sieg zu eilen, musste jeder Punkt im Ringen um den Klassenerhalt hart erkämpft werden. Eines hat sich jedoch nicht geändert: Die Begeisterung in der westlichsten deutschen Großstadt für den Traditionsverein blieb ungebrochen. Rund 26.000 Zuschauer*innen kommen im Schnitt auf den Tivoli, der sich seit dem Stadionneubau im Jahr 2009 in eine moderne, aber nicht minder stimmungsvolle Arena verwandelt hat. „Der Verein wird von den Fans getragen. Unser Publikum ist unfassbar wichtig“, sagt Alemannia-Coach Heiner Backhaus. Nicht immer ist bei dem beflügelnden Wechselspiel zwischen Mannschaft und Publikum zu erkennen, ob der Funke von den Rängen aufs Feld überspringt oder umgekehrt. Die Alemannia ist ein Mythos. Jahrzehntelang war der Traditionsklub in den höchsten Spielklassen vertreten. In der ewigen Tabelle der Zweiten Liga wird Aachen nach mehr als 1000 Partien nur von der SpVgg Greuther Fürth, dem FC St. Pauli und Hannover 96 übertroffen. Und Aachen kann auch Pokal: Acht Titel, zwei davon mit der zweiten Mannschaft, machen die Alemannia zum Rekordsieger im Bitburger-Pokal beziehungsweise dem Vorgänger-Wettbewerb. Auf nationaler Ebene gab es gleich mehrere Sternstunden. 1953, 1965 und 2004 erreichte Aachen sogar das Endspiel. 2005 mischte die Alemannia im Europapokal mit, ehe im Sommer 2006 nach 36 Jahren die Rückkehr in die Bundesliga glückte. Der Höhenflug hielt aber nicht an. Es folgten sportlich und finanziell schwierige Zeiten. Seit 2024 tritt die Alemannia in der Dritten Liga an und dank des Erfolgs im Bitburger-Pokal gab der Verein auch sein Comeback im nationalen Cup-Wettbewerb – und was für eins: beim 2:3 brachte der Underdog den Erstligisten Holstein Kiel an den Rand einer Niederlage. „Wir haben Alemannia Aachen überragend gut vertreten. Deutschlandweit. Darauf können wir stolz sein“, so Backhaus nach dem Match im August 2024.
Der Trainer
Heiner Backhaus weiß, wie es sich anfühlt, mit kalten Bier geduscht zu werden und einen Pott in den Händen zu halten. 2021 gewann der Coach mit dem FC Rot-Weiß Koblenz den Rheinlandpokal und im vergangenen Jahr dann mit Aachen den Titel in der Regionalliga und im Bitburger-Pokal. „Erst die Meisterschaft zu gewinnen und dann den Pokal in die Höhe zu stemmen, das ist etwas, das passiert dir im Leben nicht so oft, vielleicht nie wieder“, so Backhaus über Double. Dass sich in Euphorie und Jubel auch Demut und Dankbarkeit mischen, ist typisch für den 43-Jährigen. Dem gebürtigen Wittener sind Erfolge nie zugeflogen. Basis waren immer Wille, Mut, Ausdauer und die Bereitschaft zur Veränderung. Seine Laufbahn als Spieler und Coach war zuvor von Wechseln geprägt. Backhaus debütierte einst im Profifußball für Hannover 96. Er spielte anschließend unter anderem bei Union Berlin, Arminia Bielefeld und Kickers Offenbach, aber auch auf Malta, in Hongkong und in Zypern. Als Trainer ließ er dem Engagement bei Inter Leipzig Stationen beim Regionalligisten BSV Schwarz-Weiß Rehden, dem Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach, dem Regionalligisten TuS Rot-Weiß Koblenz und dem Regionalligisten BFC Dynamo folgen. Er sei nie ein Typ für die Hängematte gewesen, hat er mal gesagt. Die Suche nach Erfolg trieb ihn an und ließ ihn viele Länder und Kulturen kennenlernen. In Aachen, daraus hat er nie einen Hehl gemacht, fühlt er sich wohl. Er genießt das Zusammenspiel mit der Anhängerschaft. „Wir wissen um die Verantwortung. Unsere Fans wollen Kampf und Leidenschaft sehen“, betont er. Beherzige man diese Tugenden, erhalte man geballte Energie von den Rängen zurück.
Das Team
Die Alemannia 2025 steht nicht für Hochglanz-Fußball, sondern für Herzblut, Kampf und Leidenschaft. Das ist es, was das Publikum auf dem Tivoli einfordert und auch was Coach Backhaus sehen will. Schließlich sind es die Tugenden, die es nach der Rückkehr in die Dritte Liga für den Klassenerhalt brauchte. Das Team lieferte und machte das Erreichen des Saisonziels vorzeitig perfekt. Was diese Mannschaft mit Herzblut und Einsatzwillen bewegen kann, zeigte sich nicht nur in vielen Begegnungen der Meisterschaft, sondern auch im Halbfinale des Bitburger-Pokals: Als in der Partie beim ambitionierten Regionalligisten S.C. Fortuna Köln der eingewechselte Aachener Jan-Luca Rumpf für eine Notbremse Rot gesehen hatte (40.) und Schwarz-Gelb dem Kontrahenten in Unterzahl gegenüberstand, wankte die Alemannia nicht. Im Gegenteil. Nun waren die Aachener so richtig wach. „Wir waren nicht mehr in der Favoritenrolle, es wurde ein Kampf und das liegt uns einfach“, analysierte Backhaus später. Seine Elf verteidigte nun umso leidenschaftlicher, ließ kaum noch etwas anbrennen und schlug in der Verlängerung entscheidend zu. Torschütze war der 35-jährige Charlison Benschop. Der im Sommer vom Wuppertaler SV verpflichtete Stürmer hat schon einiges in seiner Karriere gesehen, 120 Partien in der niederländischen Eredivisie bestritten und auch schon in Deutschland, Belgien und Frankreich in der Ersten Liga gespielt. Zudem stehen zehn Länderspiele für Curacao in Benschops Vita. Doch bei der Besetzung der Angriffsspitze hat sich kein Topscorer etabliert. Backhaus variiert dann auch immer wieder. Zum Zuge kommen etwa der im Bitburger-Pokal schon dreimal erfolgreiche Anton Heinz, aber auch Kevin Goden, Niklas Castelle oder Anas Bakhat. Für kreative Momente sorgt mit Gianluca Gaudino ein Akteur, der mit dem einstigen Nationalspieler Maurizio Gaudino nicht nur einen bekannten Vater hat, sondern mit dem FC Bayern München auch schon in der Champions League auflaufen durfte. Soufiane El-Faouzi darf immer wieder bei Standards ran. Für geballte Routine stehen die Mittelfeldspieler Bentley Baxter Bahn (32) und Danilo Wiebe (31) sowie Linksaußen Sasa Strujic (33). Eine unumstrittene Größe ist Kapitän Mika Hanraths, der die Abwehr vor dem Anfang des Jahres von Borussia Mönchengladbach geholten Keeper Jan Olschowsky zusammenhält. Sie bilden eine schlagkräftige Einheit. „Die Aachener sind in der Lage, mit viel Wucht zu spielen und wollen hoch pressen“, sagt Matthias Mink, Tainer des unterlegenen Halbfinal-Gegners und einstigen Liga-Rivalen S.C. Fortuna Köln. In der vergangenen Saison habe der Verein vollkommen zu Recht mit diesen Qualitäten den Aufstieg geschafft und seitdem habe Backhaus die Art zu spielen nicht grundlegend geändert.
