Gemeinsam handeln: Demokratiegefährdende Tendenzen im Amateurfußball

Gemeinsam handeln: Demokratiegefährdende Tendenzen im Amateurfußball

Fußball vereint Menschen unterschiedlicher Herkunft, Lebensrealitäten und Überzeugungen. Gleichzeitig spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen zunehmend auch auf und neben den Sportplätzen wider. Themen wie Diskriminierung, Ausgrenzung, Rassismus und verschiedene Formen von Radikalisierung bis hin zu Extremismus stellen Vereine und ihre Verantwortlichen vor wachsende Herausforderungen.

Vor diesem Hintergrund führte der FVM drei regionale Sensibilisierungsveranstaltungen durch, an denen Vertreter*innen von Vereine sowie Kreisfunktionär*innen teilgenommen haben. Ziel war es, für unterschiedliche Erscheinungsformen von Radikalisierung und Extremismus zu sensibilisieren und die Bedeutung von Vielfalt, Teilhabe und Antidiskriminierungsarbeit im Vereinsalltag zu stärken.

Mit wissenschaftlicher Expertise, praxisnahen Beispielen und seiner langjährigen Vereins- und Fußballexpertise gab Dr. Younis Kamil (Präsidiumsmitglied  ROOTS – against racism in sports) den inhaltlichen Input bei allen drei Veranstaltungen. Gemeinsam wurden gesellschaftliche Entwicklungen, zugrunde liegende Dynamiken von Ausgrenzung und Radikalisierung sowie deren mögliche Auswirkungen auf den Amateurfußball beleuchtet.

Ein besonderer Fokus lag auf der Auseinandersetzung mit eigenen Einstellungen, Verhaltensweisen und den Chancen durch einen Perspektivwechsel. Darüber hinaus wurde aufgezeigt, wie eine aktive Förderung von Vielfalt und Teilhabe einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Extremismus leisten und demokratischen Teilhabe im Verein stärken kann. Die Veranstaltungen machten deutlich, dass der Fußball weit mehr als Sport ist: Er bietet Räume für Begegnung, Gemeinschaft und gesellschaftliches Miteinander. Umso wichtiger ist es, diese Werte aktiv zu schützen und gemeinsam für ein respektvolles sowie diskriminierungsfreies Umfeld einzustehen.

Sechs Schlüsselerkenntnisse

  • Radikalisierung verläuft über alle Extremismusformen hinweg nahezu gleich. Persönliche Kränkungen und Frustrationen, ein Umfeld, das Anerkennung bietet, sowie ein Klima der Abwertung greifen dabei ineinander.
  • Extremistische Akteure knüpfen an grundlegende Bedürfnisse an. Zugehörigkeit, Anerkennung und Orientierung sind Bedürfnisse, die gute Vereine erfüllen können. Problematisch wird es, wenn andere Akteure diese Rolle übernehmen.
  • Unterwanderung kann auf unterschiedlichen Wegen erfolgen. Mögliche Einfallstore sind vermeintlich engagierte Einzelpersonen mit eigener Agenda, Kampfsport- und Körperkult-Milieus, Symbole und Rituale sowie digitale Räume wie Team-Chats.
  • Rechtsextremismus stellt die größte extremistische Strömung dar und kann wechselseitige Radikalisierungsprozesse befördern. Ausgrenzung kann Menschen für andere extremistische Angebote empfänglich machen und bestehende Feindbilder verstärken.
  • Ausgrenzung beginnt oft im Alltag. Stereotype, abwertende Sprüche oder vermeintliche „Witze“ können den Einstieg bilden. Entscheidend ist dabei die Wirkung, nicht die Absicht.
  • Schweigen ist nicht neutral. Wer nicht reagiert, signalisiert Betroffenen fehlende Unterstützung und kann den Eindruck entstehen lassen, diskriminierendes Verhalten werde toleriert.

Was tun, wenn's passiert?

Bei diskriminierenden, menschenfeindlichen oder stereotypebedienenden Äußerungen kann folgendes Vorgehen hilfreich sein:

  • 1. Zeitnah und unter vier Augen ansprechen: Suchen Sie möglichst zeitnah das persönliche Gespräch. Vermeiden Sie dabei, die betreffende Person vor dem Team oder anderen Beteiligten bloßzustellen.
  • 2. Die Wirkung der Aussage benennen: Konzentrieren Sie sich auf die Wirkung der Äußerung statt auf die Absicht. Formulierungen wie „Ich glaube, dass das nicht so gemeint war, aber so kann es wahrgenommen werden.“ können dabei helfen, das Gespräch konstruktiv zu führen.
  • 3. Die Perspektive Betroffener einbringen: Thematisieren Sie, welche Auswirkungen solche Aussagen auf die betroffenen Personen haben können. Ein Perspektivwechsel fördert häufig das Verständnis für die Problematik.
  • 4. Klare Erwartungen formulieren: Machen Sie deutlich, welches Verhalten im Verein erwartet wird. Verweisen Sie dabei auf bestehende Werte, Verhaltenskodizes sowie die Vorbildfunktion von Trainer*innen, Funktionär*innen und Ehrenamtlichen.
  • 5. Bei fehlender Einsicht Unterstützung hinzuziehen: Führt das Gespräch zu keiner Veränderung, sollten zuständige Ansprechpersonen, Vereinsverantwortliche oder der Verband eingebunden werden. Der Umgang mit diskriminierendem Verhalten ist eine gemeinsame Aufgabe und muss nicht allein getragen werden.

Die 4-D-Methode als Handlungshilfe

Nicht jede Person möchte oder kann in einer schwierigen Situation direkt eingreifen. Die sogenannte 4-D-Methode zeigt verschiedene Möglichkeiten auf, wie dennoch Verantwortung übernommen und Unterstützung geleistet werden kann Sie verdeutlicht, dass Zivilcourage nicht immer ein direktes Einschreiten erfordert. Entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen und betroffene Personen nicht allein zu lassen:

  • Direkt handeln (Direct): Sprechen Sie problematisches Verhalten unmittelbar an, ziehen Sie klare Grenzen und machen Sie deutlich, dass diskriminierende oder menschenfeindliche Äußerungen keinen Platz haben.
  • Ablenken (Distract): Unterbrechen Sie die Situation, ohne eine direkte Konfrontation zu suchen. Ein Themenwechsel, eine Frage oder eine andere Ablenkung kann dazu beitragen, die Situation zu entschärfen.
  • Unterstützung organisieren (Delegate): Holen Sie weitere Personen hinzu, beispielsweise Vereinsverantwortliche, Schiedsrichter*innen, Trainer*innen oder andere Anwesende, die bei der Bewältigung der Situation unterstützen können.
  • Dokumentieren (Document): Halten Sie Vorfälle fest, sofern dies angemessen und datenschutzrechtlich zulässig ist. Dokumentationen können bei der späteren Aufarbeitung und Meldung eines Vorfalls hilfreich sein.
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